Die Testsiegel-Falle
Wir kennen und beachten Sie alle: Testsiegel, die vermeintlich etwas über die Qualität des Produktes aussagen.
Speziell im Bereich der Versicherung dienen diese oftmals als Argument um eine Entscheidung für einen Versicherer oder gegen einen solchen zu treffen. Vielleicht geht es aber auch um die Entscheidung für den einen oder den anderen Tarif, was es auch für den Versicherungsvertreter des jeweiligen Versicherers attraktiv macht.
Vorweg: Test-Siegel sind in der Regel nicht gekauft, zumindest nicht deren Ergebnis. Jedoch steckt hinter den Test-Siegeln Business, das sich die „Tester“ gut bezahlen lassen. Daher lüftet dieser Beitrag ein kleines, offenes Geheimnis über die Hintergründe von Testsiegeln und Du erfährst, warum Du Dich nicht blind auf solche verlassen solltest.
Test-Siegel – ein Ansatz
In einer heilen und guten Welt soll ein Testsiegel etwas über die Qualität und Güte aussagen. So etwa über die Finanzstärke einer Versicherung oder aber über die Stärke eines Tarifs. Gegen dieses Ansinnen hat auch niemand etwas, wenn es denn genau diese Maßstäbe wiedergibt.
Denn als Verbraucher kennen wir Testsiegel bereits aus den verschiedensten Bereichen und diese geben uns nicht selten einen Eindruck von der Qualität eines Produktes. Ich kenne das aus meiner eigenen Beratung und setze hier nicht selten auch mit der Aufklärung an.
Alles nur gekauft?
Falls Du hier einen knallharten Skandal erwartest, so muss ich Dir diesen Zahn an der Stelle schon einmal ziehen. Vielmehr kann ich Dich in einer Sache beruhigen: Die Test-Siegel sind zunächst erst einmal nicht gekauft. Oder besser gesagt: das Testergebnis wird vom Versicherer nicht gekauft.
Vielmehr machen sich die Tester mal mehr und mal weniger Gedanken, welche Merkmale eines Versicherungstarifs für die Bewertung von einem Test-Ergebnis wichtig sind. Diese unterliegen dann in der Regel noch einer Gewichtung, bspw. 20 % hierfür aber 30 % dafür.
Am Ende des Tests steht dann das Testsiegel.
Wo ist dann das Problem mit Testsiegeln?
Wie bereits gesagt, ist das Ergebnis des Tests in der Regel nicht gekauft. Jedoch sind sich die Tester der Wirkung ihrer Testsiegel bewusst, so dass Sie sich die Nutzung der Test-Siegel nicht selten in fünfstelligen Beträgen von den jeweiligen Versicherern bezahlen lassen.
Dennoch besteht Interesse bei den Versicherern diese hohen Lizenzgebühren für die Dauer bspw. eines Jahres nur zu zahlen, sofern das Testsiegel auch positiv ausgefallen ist. Scheint logisch, denn mit schlechten Ergebnissen möchte niemand werben.
Wenn die Versicherer in dem Millionen-Markt Ihrer Versicherungsprodukte also einen zusätzlichen „Booster der Kaufentscheidung“ einbauen können, zahlt man diese Lizenzgebühren mit Kusshand. So stehen am Ende doch zum einen eine positive Darstellung nach Außen und ein tolles Testergebnis, welches gern präsentiert wird.
Somit wird ein Testsiegel nicht verkauft, sondern es wird die Lizenz zur Nutzung des Testsiegels verkauft. Böse, ja ganz böse wer da auf dumme Gedanken kommt! Schließlich ist es in der schönen, heilen Welt nicht das Ziel der Tester möglichst viele Lizenzen zu verkaufen, oder etwa doch?!
Der Aufreger – keine einheitlichen Test-Standards
Wie schon die gute Pipi Langstrumpf sang:
„Zweimal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt.“
Jedes Unternehmen das auch ein Sigel vergibt hat seine eigenen Kriterien für den Test. Das gilt zudem auch noch einmal für die Gewichtung jedes Punktes, der für die Wertung betrachtet wird. Es gibt somit keinen branchenweiten Standard und die Testergebnisse sind neutral betrachtet auch überhaupt nicht miteinander vergleichbar, da die Basis und die Kriterien eine ganz andere sind.
Das hält weder die Tester davon ab teils überinflationär mit Auszeichnung für Testsieger-Siegel umzugehen, noch die Versicherer, die sich auf den Prospekten ein Siegel neben dem anderen hinklatschen.
Somit gilt neutral gesagt: Da es keinen Standard gibt, haben Testsiegel untereinander auch keine vergleichbare Aussagekraft.
Zwischenfazit
Wir haben somit Versicherer, die sowohl Ihre eigenen Vertreter als auch freie Vermittler für die hauseigenen Produkte begeistern wollen, hier stecken Millionen an potentiellen Kundengeldern hinter. Ein gutes Testsiegel kann – muss aber nicht der Auslöser für eine Wahl für einen Versicherer oder Tarif dienen. Ein gutes Ergebnis mit Test-Siegel erschwert jedoch die Entscheidung nicht.
Die Tester lassen Ihre Test-Ergebnisse nicht kaufen. Jedoch profitieren diese davon ihre Lizenzen für eine gewissen Zeit – meist für die Dauer von einem Jahr – gegen Geld zur Nutzung freizugeben. Warum meist läuft diese Lizenz meist nur für ein Jahr?! Richtig, damit im nächsten Jahr wieder die Lizenzgebühr zur Nutzung der Testsiegel verkauft werden kann.
Der Auslöser – ein neues Testergebnis
Als Versicherungsmakler mit meinem Schwerpunkt auf die Lösungen Privaten Krankenversicherung werde ich bei neuen Testergebnissen regelmäßig hellhörig.
Zwar bewerte ich – genau wie viele meiner Berufskollegen – gängige Testsiegel oder Test-Zeitschriften als billige werbefinanzierte Altpapier-Neuzugänge, jedoch gibt es auch einige Unternehmen, bei denen man genauer hinschaut.
So auch an einem Morgen vor ein paar Wochen, als es sinngemäß in einem Newsletter für Themen der Versicherungswelt hieß, dass Bernhard und Bianca (Name unkenntlich gemacht) Tarife zur stationären Zusatzversicherung getestet haben und diese mit den unternehmenseigenen Testsiegeln bewertet haben.
Jetzt ist es so, dass es für mein Verständnis von Qualität genau in diesem Bereich ein gewisses Maß an Standards und sogenannten „Must-Have“ gibt…
Must Have bei der stationären Zusatzversicherung
Hierzu werde ich noch einen separaten Beitrag schreiben, da das Thema Sprengstoff beinhaltet. Denn wenn Du feststellst, dass Du eine solche Lösung selbst versichert hast, kommst Du meist nur mit einer neuen Gesundheitsprüfung zu einer besseren Lösung.
Dabei habe ich nur zwei Punkte herausgegriffen, die sich nicht im Testergebnis zeigen:
– Leistungen auch für ambulante Operationen
– Tarif mit Altersrückstellungen – ggf. auch später automatisch
Hintergrund ambulante Operation – Kurzfassung:
Immer mehr Operationen werden nicht mehr stationär sondern, nur noch ambulant ausgeführt. Du darfst also nach dem Eingriff ohne Übernachtung wieder nach Hause gehen.
Tarife mit Leistungen für ambulante Operationen sehen auch die wahlärztliche Behandlung bei eben diesen ambulanten Eingriffen vor. Fehlt dieser Leistungspunkt wird Dein Versicherungsschutz vom Umfang hier immer weniger wert. Da zudem immer mehr Operationen aus dem stationären in den ambulanten Bereich ausgelagert werden – den der Tarif mit seiner Leistung nicht abdeckt – handelt sich sich hierbei um ein „No-Go!“ für mich, zumindest wenn Du als Kunde „normal“ versicherbar wärst.
Hintergrund nur mit Altersrückstellungen – Kurzfassung:
Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine stationäre Behandlung wahrgenommen werden muss. Daher sind die Beiträge für eine stationäre Zusatzversicherung für Interessenten einer solchen Lösung mit zunehmendem Alter auch deutlich teurer.
Jedoch gibt es Tarife, die Altersrückstellungen bilden und vereinfacht gesagt das Eintrittsalter „einfrieren“, es gibt dann keine Beitragssprünge mit Ausnahme von möglichen Beitragsanpassungen.
Der Gegenpart dazu sind Tarife mit Risikobeiträgen, diese sind vermeintlich günstig und steigen mit Erreichen der nächsten Altersgruppe. Währen der Tarif mit Altersrückstellungen somit fast konstant bleibt, steigt der Beitrag von Risikotarifen sprunghaft an. Speziell in den älteren Altersgruppen wird es dann richtig teuer und verleitet zur Kündigung.
Somit trennt man sich vom Schutz, wenn man ihn eigentlich am nötigsten braucht. Daher sind langfristige Risikotarife für mich ein = „No-Go!“
Der Schock – das Testergebnis
Mit der Zeit habe ich mir ein gutes Bild davon gemacht, welche Tarife für die stationäre Zusatzversicherung für meine Kundinnen und Kunden ein „No-Go“ sind und biete diese im Sinne meiner Kunden daher auch nicht aktiv an.
So schockte es mich, dass ich bei einem Tarif mit dem No-Go „fehlende Leistungen für ambulante Operationen“ das Testsiegel in seiner höchsten Ausprägung sah. In der Übersetzung bekam dieser Tarif die Note „0,5“. Als Mensch mit Schulbildung geht man hier von einem sehr guten Ergebnis aus oder täusche ich mich da?!
Gleiches Spiel bei einem Anbieter, der ausschließlich Tarife ohne Altersrückstellungen in der stationären Zusatzversicherung anbietet. Somit mutmaßlich voll auf die vorzeitigen Absprünge der Versicherten setzt, bevor es zu Leistungen kommt. Auch hier die gleiche Bewertung.
Sie mögen die vom Test-Unternehmen gesetzten Kriterien so erfüllt haben, dass dieses Test-Siegel gerechtfertigt ist. Da die Kriterien jedoch eigens inkl. deren Gewichtung gesetzt wurden ist das Ergebnis eine eigene Interpretation der Sachlage.
Mir ist folgendes wichtig: Es geht hier ausdrücklich nicht um ein Bashing eines einzelnen Test-Unternehmens, hier tuen sich die meisten wenig. Leider ist diese Vorgehensweisen weit verbreitet. Nur dieses Testergebnis hat ein inneres Fass zum Überlaufen gebracht, das Ergebnis spiegelt sich hier wieder.
Von einer heilen Welt in die Realität
In meiner heilen Welt sollten Test-Siegel besonders gute Tarife nach fest definierten Standards auszeichnen. Für diese Testsiegel darf dann der Versicherer auch gerne eine Lizenzgebühr zahlen, wurde das Testsiegel doch nicht gekauft aber eben doch erarbeitet.
Für die Versicherer hätten diese Testsiegel dann eine echte und ehrliche Wirkung und könnten auch den Verbrauchern, den potentiellen Neukunden eine Orientierung bieten. Gleiches gilt für Vermittler, die den Teil-Bereich in Ihrer Beratung nicht als Schwerpunkt haben.
In eben dieser heilen Welt ginge es nicht um die maximale Anzahl von verkauften Test-Siegel-Lizenzen, deren Anzahl teils schon irrwitzig ist, sondern um einen wahren Mehrwert für alle Beteiligten.
Die Realität sieht hingegen anders aus:
Jeder Tester macht sein eigenes Ding, sucht seine eigenen Kriterien für den Test raus, bewertet diese mal mehr und mal weniger stark.
Wenn ich als Test-Unternehmen also von der Lizenz-Gebühr lebe: Wie unabhängig und wie kritisch bin ich dann am Ende des Tages? Die Frage dürfte sich noch einmal verstärken, sofern ein langjähriger Kunde und Lizenz-Nehmer für die Testsiegel plötzlich ein nicht so gutes neues Produkt auf den Markt bringt.
Folge dem Geld und Du erkennst die Wahrheit – oder so.
Fazit:
Ändert dieser Blog-Beitrag etwas an der systematischen Siegel-Lizenz-Nummer? Vermutlich, ja sehr wahrscheinlich nicht. Fühle ich mich besser, da ich mir einen Umstand von der Seele geschrieben habe, der mir missfällt? Auf jeden Fall!
Lass Dich also von Test-Siegeln nicht blenden. Sei skeptisch, denn wer als Versicherer viele Siegel nebeneinander auf seinen Prospekten aufführt – die teils überhaupt nicht zu dem Tarif passen – der könnte es besonders nötig haben.
Nimm Testsiegel als „nice-to-have“ wahr, nicht als „must-to-have“, denn am Ende des Tages zählt nur das Kleingedruckte und nicht bunte Bildchen mit Test-Ergebnissen von Stellen, die Du meist überhaupt nicht kennst.
Nutze Dein Recht Beratung, um in keine Test-Siegel-Falle zu geraten – hierbei unterstütze ich gern! Nimmer gern mit uns Kontakt auf.
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